20.06.2013

 

2 Tage

Isfjord Radio 

 

 

1. Tag

 

 

 

Es ist der dritte Tag unseres Abenteuerurlaubes auf Spitzbergen. Heute wird es besonders spannend.

 

Wir fahren mit einem Schnellboot zur nordwestlichsten Radiostation und gleichzeitig nördlichstem Schiffsfeuer Europas, dem Isfjord Radio.

 

Bevor es losgeht werden wir in alle Tücken dieser Bootsfahrt eingewiesen. Wir müssen für diese Belehrung unterschreiben und danach geht es zur Basisstation vom Basecamp. Hier bekommen wir einen passenden Überlebensanzug und können das letzte Mal auf die Toilette gehen.

 

Die Anzüge anzuziehen fällt nicht ganz leicht. Wir sehen darin aus wie Astronauten, nur der Glashelm fehlt. Rein in den Kleinbus und weiter zum Hafen. Dort liegt das Boot. Es sieht toll aus. Es hat acht Sicherheitssitze und der Fahrer steht oder sitzt hinter den Passagieren. Das Boot ist knallrot, der Boden schwarz. Es ist ganz neu. Angetrieben wird es von einem 300 PS starken Außenbordmotor von Yamaha, der es extrem schnell beschleunigen kann.

Liane und ich sind die einzigen Passagiere. Das Wetter ist klasse, wenig Wind, die Sonne lacht. Es verspricht eine tolle Fahrt zu werden. Der Käpt´n meint: Ihr habt es so gut, so wie "Leute auf einer Hochzeitsreise". Wir werden auch die einzigen Gäste auf der Station sein und nach Auskunft unseres Kapitäns von einem der besten Köche Skandinaviens bekocht. Er kommt aus Schweden und hat in einigen europäischen Restaurants mit Michelin-Ehrungen gearbeitet. Wir freuen uns natürlich sehr über unser Glück.

 

Unsere Rucksäcke und Schuhe werden in wasserdichten Behältnissen verstaut, wir nehmen direkt vor dem Käpt´n unsere Sitzposition ein, noch ein paar Anweisungen und los geht`s. Man sitzt hoch, hat einen Metallbügel zum Festhalten vor sich und fühlt sich auf Anhieb sicher. Vor uns der lange Bootsrumpf mit sechs leeren Plätzen. Der Chef meint: So wenig Gewicht ist nur gut für die Endgeschwindigkeit!

Die Höchstgeschwindigkeit des Bootes liegt bei immerhin 44 Knoten, das sind etwas mehr als 81 kmh. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen und natürlich auch aufgeregt. Liane hat zudem Angst, seekrank zu werden. Der Käpt´n beruhigt sie mit der Erklärung, dass der offene Kontakt zur See und die hohe Geschwindigkeit ihr helfen werden. Er wird Recht behalten.

 

Nach der Ausfahrt aus dem Hafen kommt von ihm ein kurzes: "Alles bereit?" Wir halten die Daumen hoch. Der Motor wird lauter, seine Kraft drückt uns fest an die Rückenlehnen. Im Nu haben wir sicher mehr als 30 Knoten erreicht und kurze Zeit später glaubt man, über den Fjord zu fliegen. Eine Möwe begleitet im Tiefflug parallel zum Boot unsere rasende Fahrt, so als wollte sie mit uns um die Wette fliegen. Es ist atemberaubend! Das Fahrzeug erreicht schnell die offene See. Es kracht über die großen Wellen und sein Fahrtrhythmus erinnert uns an einen Galopp-Ritt auf unseren Pferden. Wir haben keinerlei Angst, im Gegenteil wir heben wieder die Daumen und der Käpt´n legt noch ein Schippe drauf. Ralf muss vor Vergnügen einfach laut aufschreien - es hört ja niemand – glaubt er.

 

Wenige Minuten später sind wir am ersten Etappenziel angekommen. Es ist eine etwa 500 m hohe Felswand in der unzählige Vögel nisten - der "Fuglfjell", übersetzt Vogelfelsen. Die Fahrt wird langsam und schließlich hält das Boot. Wir genießen die Sonne und den Ausblick auf diese zauberhafte Natur. Der Käpt´n hält uns einen langen Vortrag. Es freut ihn sichtlich, dass wir seine Sprache verstehen. Wir erfahren viel über die Vögel und noch mehr über tektonische Verschiebungen, das Alter des Felsens und sein gut sichtbares Kohleflöz. Es ist interessant ihm zu zuhören, dass Meiste haben wir aber schnell vergessen. Ralfs Gedanken sind bald wieder bei der Technik und dieser rasanten Fahrt. Wir machen noch ein paar Fotos und schon geht es etwas gemütlicher weiter zur nächsten Etappe. Nach ein paar Kilometern machen wir einen Linksschwung in einen Seitenarm des Isfjordes. Hier leben etwa 900 Russen in einer Bergarbeitersiedlung namens Barentsburg. Der Ort ist verräuchert und stinkt nach Schwefel. Die Ursache dafür ist der lange rauchende Schlot eines Kraftwerkes, sicher ohne Filter. Die Russen bauen für den eigenen Bedarf Kohle ab und heizen damit ihr Kraftwerk. Sie haben zur Selbstversorgung auch ein eigenes Gewächshaus und einen Tierstall. Sinn der Ansiedlung ist die Russische Präsens auf Svalbard, Gewinn wird dort keiner gemacht. Der russische Staat bezahlt seine "Platzhalter" auf der unwirtlichen Insel gut. Wenn sie nach 2 Jahren heim kommen, erhalten sie den größten Teil des Lohnes, 60%, mit einem Mal. Das hilft den Familien in Russland und sie können damit sicher gut leben. Die Kontakte der Norweger zu den Russen halten sich in Grenzen. Zweimal im Jahr gibt es einen sportlichen Austausch mit anschließendem Fest. Man rechnet damit, dass die Russen in etwa 20 Jahren aufgeben werden, dann ist die Kohle alle, die Bastion nur noch mit sehr viel Aufwand zu halten. Vielleicht schaffen sie aber auch den Sprung auf den internationalen Tourismuszug - wer kann das schon vorhersagen.....

Der Ort hat uns jedenfalls nicht gefallen.

 

Es ging weiter zu einer Felsformation, die für die Geologen eine Art von Referenzgestein darstellt. Hier hat sich der Fels aufgrund tektonischer Verschiebung um 90° gedreht. Er ist sozusagen auf den Rücken gefallen. Das was sonst unerreichbar ist, liegt hier offen und begehbar auf der Seite. Die Geologen können die von der Seeseite ausgesendeten Impulse messen und direkt mit dem begehbaren Gestein abgleichen. Sie können sich hier eine Art Referenzkarte erstellen und diese für andere, unerreichbaren Gebiete anwenden. Sie haben hier, wenn wir alles richtig verstanden haben, sozusagen einen offen liegenden Atlas der regionalen Erdschichten.

 

Die letzte Etappe geht in die Fjordeinmündung und danach ein Stück ins offene Meer. Der Wind wird rauer, die See ist viel unruhiger und unsere Spannung steigt. Der Käpt´n telefoniert kurz mit Isfjord Radio und fragt danach, wie es uns geht. Wir sind gut drauf, keine Spur von Übelkeit, und geben ihm unser okay zu beschleunigen. Er fährt aber lange noch nicht mit Höchstgeschwindigkeit, schaut wohl erst einmal was wir so tun. Die Wellen sind mittlerweile ziemlich hoch und kommen leicht seitlich, hinzu kommt eine ziemlich hohe Dünung. Liane lacht, es geht ihr gut. Ralf ruft so laut er kann Richtung Käpt´n: ”Det er gøy, du kan bare kjøre med topspeed!” (Das macht Laune, du kannst ruhig mit Topspeed fahren!)

Er tut es, und jetzt spüren wir erst richtig die gewaltige Kraft des Bootes. Es fliegt förmlich über die großen Wellen, ohne dabei besonders unruhig zu werden. Manchmal muss er etwas vom Gas. Die Dünung ist dann zu groß und es könnte gefährlich werden. Wir sind voller Adrenalin, als wir nach dem Wellenritt in den kleinen Hafen einlaufen. Angst hatten wir nie, im Gegenteil, es war ein Riesenspaß.

 

Wir werden von einem jungen Norweger namens Eirik in Empfang genommen. Er trägt, wie alle Guides, ein Gewehr auf dem Rücken und nimmt uns unsere Rucksäcke ab. Unser Käpt´n fährt gleich zurück. Wir winken ihm noch einmal zu.

Am Hauptgebäude angekommen finden wie direkt vor dem Eingang zwei Entennester, in denen die brütenden Tiere sitzen. Sie scheinen mit der Anwesenheit von Menschen vertraut zu sein. Eine von ihnen bleibt sogar im Nest, wir müssen vorsichtig über sie hinweg steigen.

 

Schnell aus den Überlebensanzügen, unter die Dusche und dann zum Lunch. Wir sitzen in einem sehr schönen Speisesaal, groß genug für zwanzig Gäste. Heute sind wir hier allein. Es wurde liebevoll eingedeckt. Serviert wird Rindfleischbraten auf Kartoffelmus mit gegrilltem Kohl und Schalotten sowie einer leckeren Soße. Wir sind begeistert, so tolles Essen an so einem abgelegenen Ort zu bekommen. Abgerundet wir das Mahl durch einen feinen Nachtisch, einer Art Mousse au Chocolate mit Vanille Sauce und Waldbeeren. Wir begrüßten den Koch nach dem Essen und bedankten uns für sein leckeres Menü.

Nach dem Lunch haben wir eine kurze Pause in unserem sehr gemütlichen Zimmer mit "king size bed". Zum Schlafen bleibt aber keine Zeit. Wir haben uns mit Eirik zur Strandsafari verabredet.

 

Zu uns Dreien gesellt sich eine weitere Helferin auf der Station. Sie heißt Sarah und ist Studentin, macht gerade einmal eine Auszeit. Wir nehmen noch zwei pensionierte Vierbeiner aus dem "Schlittenhundedorf in Longyearbyen" mit, die hier auf Islandfjord Radio ihr Alter genießen dürfen und ihren täglichen Auslauf brauchen. Die beiden sind sehr artig, haben nur eins im Sinn, sie wollen ziehen. Sie waren ja schließlich einmal Schlittenhunde. Unser Marsch ist bestimmt 15 Km lang, wir treffen aber keine Eisbären, Robben oder Walrosse, nur ein paar Rentiere die gemütlich äsen und sich von uns nicht stören lassen. Zurück auf der Station sind wir dennoch sehr zufrieden. Es ist traumhaft schön hier am "Ende der Welt" im Niemandsland.

 

Gegen 20.00 Uhr werden wir zum "Middag" gebeten. Es ist wieder liebevoll eingedeckt. Serviert wird ein Drei-Gänge-Menü, das keine Wünsche offen lässt.

Zum ersten Gang, drei Variationen von Hering mit Kräutern, Senf und Dill, gibt es in der Flasche vergorenes, herbes Pils aus Dänemark.

Der zweite Gang besteht aus gegrilltem Schweinefilet auf Kartoffelgratin und feiner Soße. Dazu gibt es gegrilltem Fenchel sowie Zuckererbsen. Als Getränk einen passenden französischen Rotwein aus 2007, dessen Namen wir vergessen haben. Es war jedenfalls ein köstliches Hauptgericht.

Der dritte Gang war eine Wein-Mousse mit Johannisbeeren und Mandelgebäck. Dazu gab es halbtrockenen italienischen Prosecco Rotwein, den wir vorher in dieser Art noch nie getrunken hatten.

Ja, was soll man dazu sagen? Es ist Snobismus an so einem Ort, so zu tafeln. Sicher ginge es auch einfacher - aber was soll`s, wir haben es gern in Kauf genommen.

Danach fielen wir gut gesättigt und todmüde in unser riesiges Bett. Es war sonnig geworden und wir waren froh, eine Verdunklung zu haben. Wir brauchten jetzt einfach die gewohnte „Nacht“. Wir haben geschlafen wie die Steine.