12.09. 2020

Von Leirvassbu nach Gjendebu und weiter mit dem Gjendeboot nach Memurubu

Øvre Høgvagltjønnen
Øvre Høgvagltjønnen

Ich hatte nicht gut geschlafen.

Ich wusste ja, dass ich nicht der geborene Lotse bin und so raubten mir unruhige Gedanken bezüglich meiner Wandertour nach Gjendebu den Schlaf.

 

Kurz vor Sieben Uhr ging es raus aus dem Bett.

Den Rucksack hatte ich bereits am Abend gepackt und mir entsprechende Kleidung raus gelegt.

Neben warmer langer Unterwäsche aus Merinowolle zog ich meine winddichte Weste und eine atmungsaktive Strickjacke unter meiner normalen wind- und regenabweisenden Jacke. Meine Wanderhose war ja ohnehin etwas dicker so, dass eine lange Woll-Unterhose ausreichte. Über meine normale Outdoorjacke und -hose kamen jetzt noch wasserdichte Jacke und Hose einschließlich Gamaschen.

Ich sah schon ein wenig aus wie ein Wesen von einem anderen Stern, … aber das war mir gerade egal.

Ich musste über den Gipfel von knapp 1600 m bei Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Ich konnte mir nicht leisten zu frieren oder nass zu werden. Es lag eine Strecke von 21 km vor mir. Ein kleiner Fehler und ich konnte die ganze Tour vergessen. 

Etwas mulmig war mir schon.

Die letzten Touren hatten gezeigt, dass ich hier wirklich allein unterwegs bin.  

Aus dem Fenster gesehen war alles «dicht» .

 

Die Wolken hatten die Berge verhüllt und man konnte kaum 50 m weit sehen. Die Gegend war teilweise weiß vom gestrigen Schnee. Ein paar Schneeflocken waren bereits unterwegs als Vorboten des angekündigten Schneetreibens am heutigen Tag.

Aber es blieb mir ja nichts übrig. Ich musste nach Gjendebu absteigen um meine Rundwanderung fortzusetzen. 

Das Frühstück war sehr kurz ausgefallen. Ich schmierte mir Brote für unterwegs und um 08:15 Uhr stand ich draußen vor der Hütte um mit meinem Tageswerk zu beginnen.  

 

Ich bog nach links und folgte dem Fahrweg über die Brücke, die den Ausfluss des Leirvatnet überspannt.

Ich folgte dem Fahrweg und zu meiner Linken lag der Leirvatnet.

 

Der markierte Pfad bog kurz nach der Brücke rechts vom Fahrweg ab und führte auf einen Hügel, den der Fahrweg umgeht. Ich wollte mir diese Extrabelastung ersparen, da ich wusste, dass der markierte Weg den Fahrweg vor dem See Gravdalstjørnene wieder kreuzt.  

Die Sicht war schlecht und von der Karte ausgehend, die ich im Gedächnis hatte, sollte es nach ein paar hundert Metern nach links und dann bergan gehen. Ein Wegweiser war nicht zu sehen.

Ich meinte alte Fußspuren auf einem Trampelpfad zu erkennen. Dem folgte ich vielleicht 300 m. Dann hörten der Pfad plötzlich auf und ich stand auf einer Anhöhe, von der ich nichts sehen konnte. Ich war mir jetzt sicher, dass ich falsch war und eine Variante eingelegt hatte. Also wieder retour und auf den Fahrweg zurück. 

Nur 150 m weiter fand sich ein Schild mit der Aufschrift Gjendebu.

An diesem Hinweischild orientierte ich mich. 

Nach links vom Weg abgebogen, ging es jetzt  immer bergauf.

 

Mir wurde ganz schön warm in meiner "Teletappi-Montur", aber ausziehen wollte ich nichts.

Der Pfad war jetzt mit roten «T» ’s markiert und ich folgte dem Schema, was mir auch an den anderen Tagen sehr hilfreich war. Ein «T» erreicht, Ausschau halten nach dem nächsten und erst dann weiter gehen. Hier oben lag bereits mehrerer cm Schnee und die Markierungen waren nicht leicht auszumachen. Doch ich hangelte mich von einem Varden zum nächsten weiter. 

Endlich auf dem Plateau angekommen,  stapfte ich durch eine fast 20 cm dicke Schneedecke bis es dann endlich wieder leicht nach unten ging.

Ich musste mächtig aufpassen auf den glatten Steinen nicht auszurutschen oder nicht in eine Spalte zwischen den Steinen, die vom Schnee abgedeckt war, zu rutschen.

Ich befand mich auf alpinem Gelände mit all seinen Tücken. 

 

Es war zwar nebelig, feucht und kalt, aber dem angekündigten Schneetreiben war ich wohl entkommen. 

Jetzt runter zum See Øvre Høgvagltjønnen überkam mich ein kleines Glücksgefühl.

 

Egal wie viele Kilometer ich noch vor mir hatte. Es ging bergab und der gemeldete Schnee konnte mir nichts mehr anhaben. 

 

Meine Wanderweg zog sich am östlichen Ufer des Sees Øvre Høgvagltjønnen durch ein Feld aus großen Steinblöcken.

Angeblich sollte in dem Chaos aus Steinblöcken ein “Plattenweg” angelegt sein. Leerräume zwischen den Blöcken waren angeblich aufgefüllt und Steine eben ausgerichtet. Dieses sollte das Vorwärtskommen durch das “steinernde Meer” angenehmer machen. Aber ich haben die “Wanderstrasse im Steinmeer” nicht gefunden.

Schnee auf den Steinen und schlechte Sicht offenbarten mir diese Erleichterung nicht. 

Also ging ich von Stein zu Stein, mal hoch und mal wieder runter orientierend an den Markierungen. Hier baute ich immer mal wieder kleinere Varianten ein, da ich meinte in der Ferne ein rotes “T” oder einen Varden im Nebel erkannt zu haben. Angekommen entpuppte sich dieses nur zu oft als falsch. Dennoch kam ich gut vorwärts.  

 

In Höhe des See’s Nedre Høgvagltjønnen wurde es mit dem Untergrund etwas leichter. Das ebenfalls steinige Ufer an dem es entlang ging, war relativ gut begehbar.

Es hatte inzwischen begonnen zu regnen und ich war sehr froh meine regendichten Klamotten an mir zu haben. 

Mit dem Regen setzte sich der Nebel und ich konnte meinen Blick weiter in die Ferne senden. Es war zwar nach wie vor trübes, kaltes ungemütliches Wetter aber die Sicht wurde besser und vermittelte mir mehr Sicherheit.

 

Zu meiner Rechten lag jetzt der See Langvatnet in den viele kleine Bäche fließen und die Uferzone sehr feucht halten. Jetzt hatte ich es doppelt gemoppelt, ... von unten und von oben feucht.

 

Etliche sumpfige Stellen passierte ich auf kleinen Trittsteinen. Der Pfad, welcher auf dem morrastischen Untergrund gut zu erkennen war, hatte teilweise tiefe Furten, die Touristen im Laufe der letzten Saison getreten hatten. Also mußte ich das ein oder andere auf dem Weg gelegene «Planschbekken» umlaufen. 

 

Am nordwestlichen Ufer des Sees konnte ich auf einer Halbinsel liegend, eine Hütte in Weite der Einsamkeit, erkennen. 

 

 

Am südlichen Ende des Langvatnet gab es einen steilen Abstieg durch inzwischen freundlicherer Gebiet. Es wurde «grüner» .

 

 

Ein erneuter , sehr steiler Abstieg folgt hinter dem See Hellertjønne (1278 m) neben dem Hellerfossen. 

Hellerfossen
Hellerfossen

 

 

Ein erneuter , sehr steiler Abstieg folgt hinter dem See Hellertjønne (1278 m) neben dem Hellerfossen. 

Den Bach Semjåe passierte ich über eine kleine Brücke.

 Es ging jetzt immer am Flußlauf entlang im Tal .

 

Hier im Storådalen wechselt nun der Charakter der Landschaft. Baumwuchs kehrte zurück und es fanden sich weite grüne Wiesen.

 

 

Schilder erinnerten daran, dass das Gebiet als Weidefläche für Rinder genutzt wird. Entsprechend hatten die Wandertouristen Rücksicht zu nehmen.

Allerdings bin ich weder einem Rind noch einem anderen Touristen hier begegnet. 

Der Regen hatte inzwischen in seiner Stärke zugenommen.

Die Tropfen platschten nur so in mein Gesicht.

Die Kapuze noch weiter ins Gesicht gezogen und froh auch meine Gamaschen angezogen zu haben, die mir gut dienlich waren um nasse Füße zu verhindern, lief ich weiter meinem Ziel Gjendebu entgegen. 

Die Gegend wurde jetzt durch einen dichten Birkenwald geschmückt. Es war teilweise sehr steil und steinig.

Wie ein Hase, der Haken schlägt um seinem Verfolger zu entrinnen, ging ich im Zickzack bei ständigem auf und ab durch den leuchtend grünen Wald. Die vielen kleinen und großen Pfützen und teilweise sumpfigen Flächen auf dem Pfad, machten mir nichts mehr aus.

Hier war es ein Stein oder da ein kleiner Umweg, die mir halfen trockenen Fußes weiter gehen zu können.  

Aus dem Birkenwald getreten sah ich vor mir den Gjendesee liegen.

Der Regen ließ nach und die Sonne schenke mir ein paar Strahlen zur Begrüßung. Ich war in Gjendebu angekommen... ich hatte mein Wanderziel erreicht. 

 

Man war ich froh den Pass mit seinem Schnee, den Nebel, den eisigen Wind und die Geröllfelder hinter mich gelassen zu haben und hier unten am Ufer des türkisblauen Wassers vom Gjendesees zu stehen.

 

Von hier aus sollte mich das Gjendeboot nach Memurubu fahren. 

Jetzt erst gönnte ich mir eine Pause.

Ich hatte hier ein Cafe oder Ähnliches erwartet doch außer dem Kai war hier nichts.

Den Ort Gjendebu hatte ich 400 m zuvor durchquert.

 

In Gjendebu befinden sich ein paar hübsch restaurierte Häuser und unter anderem auch die älteste DNT-Hütte. Sonst war da nichts.

So setzte ich mich unter einen Baum und packte mein Brot und meine Wasserflasche aus. Mein Magen hatte bereits die letzten Kilometer geknurrt und so genoss ich mein «Matpakke».

 

Ja ich war zufrieden, selbst als es wieder begann zu regnen. Ich hätte vor Glück tanzen und springen können. Doch das habe ich nicht gemacht... , aber in mich hinein gelächelt habe ich.

 

Ich hatte es erneut geschafft. Eine meiner vorab eingeschätzten schwierigsten Tagestour bei meiner Rundreise durch Jotunheimenen lag hinter mir.

Memurubu war nur noch eine Bootsfahrt entfernt. 

 

Was sollte jetzt noch kommen.

Morgen von Memurubu über den Besseggen zurück nach Gjendesheim wird eine Entspannungtour werden..., 14 km ein Klacks, wenn ich zurück schaue, wie viele Kilometer ich bisher jeden Tag gelaufen war.  

 

 

Von Leivassbu nach Gjendebu brauchte ich für die 21 km 6 Stunden.

Eine Pause hatte ich mir aufgrund des schlechten Wetters und des schwierigen Terrains nicht gegönnt.

 

Auch wenn es nur 200 Meter Höhengewinn war, ging die Tour ganz schön in die Knochen.

 

Ich war 2 Stunden vor Abfahrt des Gjendeboots am Kai. Hier in der Kälte bei dem Regen konnte ich nicht zwei Stunden warten. Also entschloss ich mich die 400 Meter nach Gjendebu zurück zu laufen um zu schauen ob ich da eventuell ein Café in der DNT-Hütte finde.

 

Und ich hatte Glück..., mal wieder.

 

Es war kein Café sondern die Rezeption der Hütte mit einem Kiosk wo es Kleinigkeiten zu kaufen gab.

Ich gönnte mir einen großen Kaffee, holte mein Kvik-Lunch aus dem Rucksack, zog meine nassen Sachen aus, einschließlich meiner Schuhe (in keiner Hütte dürfen die Wanderschuhe beim Betreten der Hütte angelassen werden, ... bevor es zur Rezeption geht, findet sich immer eine Möglichkeit die Schuhe abzulegen um sich dann auf Strümpfen ins Innere der Hütte zu begeben.) und machte es mir im warmen Gastraum der Hütte gemütlich.

 

 

 

Pünktlich um 16:25 legte das Motorschiff Kåre Johan von Gjendebu ab.

 

 

 

Ich hatte bereits in der Gjendebu-Hütte Touristen getroffen, die jetzt ebenfalls mit dem Boot in Richtung Gjendesheim weiter wollte. Wo sie ursprünglich her kamen, wusste ich nicht, denn auf meinem Weg runter von Leivassbu traf ich keine einzige Menschenseele. 

 

 

Auch eine Frau mit einem Bordercolli-Mischling begab sich auf das Boot. Es war kalt und der Hund war pitsche nass. Doch leider wurde ihm der Zugang ins Warme verwehrt.

 

Nachdem ich mich anfänglich drinnen aufgehalten hatte, überlegte ich mir, dass die beste Aussicht wahrscheinlich draussen zu finden ist. Etwas aufgewärmt gesellte ich mich zu dem Hund (er erinnerte mich an meine zu Hause gebliebenen Mädchen) . 

Vorne im Bug stehend fuhr ich über den Gjendesee mit seiner traumhaften Kulisse bis nach Memurubu. Die Fahrt dauerte 20 Minuten um über den 150 Meter tiefen Gjendesee nach Memurubu zu gelangen.

 

Die Hälfte des zwanzig Kilometer langen Sees hatte ich damit durchquert.

 

Ein Wechsel zwischen Regenschauer und ein paar Sonnenstrahlen begleteten die letzen Kilometer meiner Tagesreise.  

 

Blick auf den Gjende mit Kai, rechts die DNT Hütte Memurubu
Blick auf den Gjende mit Kai, rechts die DNT Hütte Memurubu

Der Kai in Memurubu ist von der DNT-Hütte (1.008 Meter ü.M.) nur 200 Meter entfernt. Unweit von diesem mündet der Flus Muru in den Gjendesee und speist diesen mit Gletscherwasser und reichlich Sand. 

 

DNT-Hütte Memurubu
DNT-Hütte Memurubu

 

In der Hütte oder besser in einem neu anmutenden Extrabau bezog ich ein wirkliches «Luxuszimmer» mit viel Platz und eigenem modernen Bad.

 

 

Außerdem war in diesem relativ neu erbauten Haus ein großer Aufenthaltsraum mit einer kleinen Küche, also für Selbstversorger optimal. Doch für mich nicht aktuell. Ich freute mich wieder auf mein 3-Gänge-Menü. 

 

Morgen soll meine kürzeste Tagestour sein. Von Memurubu wird es über den Besseggen-Grat zurück nach Gjendesheim gehen. Es ist meine letzte Etappe bei meiner Rundreise mit ca. 14 Kilometer Länge.

Allerdings ist Schneefall für die Nacht gemeldet und der Besseggen soll Minusgrade bekommen.

Ich werde sehen wie es morgen in der Früh ist.

 

Wäre schön, wenn ich den Besseggen bei Sonnenschein überqueren könnte,  meine Traumtour, bei Traumwetter,  mein Traum.