10.09. 2020 Das Dach Norwegens- Galdhøpiggen

 

DER GALDHØPIGGEN ist NORWEGENS HÖCHSTER GIPFEL!

 

 

Die letzte Nacht hatte ich ganz gut geschlafen.

Es war zwar sehr ruhig, klar, denn ich hatte ja ein ganzes Gebäude für mich allein.

 

Um 8:00 Uhr ging ich rüber ins Hauptgebäude zum Frühstück. Das Buffet war bereits aufgebaut und die Leirskolen mit ihren 60 Schülern war noch nicht im Speisesaal. So konnte ich in Ruhe die ersten Minuten mit einem Blick nach draußen genießen.

 

Und was soll ich sagen, das Wetter war vielversprechend. Es hatte sich entgegen der Vorhersage um 180 Grad gewandelt.

Klärchen schaute durch die Wolken und ab und zu konnte man auch etwas blauen Himmel erahnen. Das hatte ich nicht erwartet. Passendes Wetter um auf das Dach Norwegens zusteigen und mit wohlberechtigter Hoffnung, dass ich das Dach auch erreichen werde. 

 

In einem kurzes Gespräch mit dem Leiter der Leirskole Ivar erfuhr ich, dass es nicht so ungewöhnlich ist, dass das Wetter völlig anders ist, als die Vorhersage.

 

 

Wir sind im Land der Riesen,  in einem Märchenland und da sind kleine oder auch größere Wunder an der Tagesordnung. …, sowohl zum Guten als auch zum Bösen. Und heute sollte wohl ein Tag des Guten sein.

 

Um 09:30 Uhr war geplanter Abmarsch. 

 

Neben dem Matpakke und meiner Trinkflasche lagen auch Reserveklamotten im Rucksack. Ein langärmliges und ein kurzärmliges T-Shirt aus Merinowolle hatte ich angezogen. Außerdem saß eine winddichte Weste unter meiner Wanderjacke. Auch die lange Unterhose aus Merinowolle zog ich über. Meine Merinowolle-Mütze auf dem Kopf und Merino-Schlupfschal um den Hals. Mit den Trekking-Handschuhe an beiden Händen und die Trekkingstäben in der Hand wartete ich auf die 60 Schüler und ihre erwachsenen Begleiter. 

Obwohl man meinen könnte, dass die Sonne die Welt hier auf 1111 Meter Höhe wohlig warm macht, war es eisig kalt.

Ein kräftiger Nordwind von den Bergen machte es so richtig ungemütlich.

Ich wollte mich bewegen um meinen eigenen „Motor“ zur Wärmeproduktion in Gang zu bringen, denn das Herumstehen und Warten in einer windgeschützten Ecke ließ mich trotz mehrerer „Wolllagen“ frösteln.

Ich späte in die Runde hoch zu den Bergen um eventuell mein heutiges Ziel auszumachen. 

Doch wie ich erfuhr, kann man den Galdhøpiggen von Spiterstulen aus nicht sehen. Auch beim Aufsteigen sieht man den Gipfel praktisch erst die letzten 100 Meter. Es heißt ja immer mit dem Ziel im Auge fällt einem die Wanderung leichter da man erkennt wie man sich dem Ziel nähert. Beim Galdhøpiggen trifft das nicht zu.

Für das Dach Norwegens braucht man innerliche Motivation um da hoch zu steigen.  

Es gibt zwei Möglichkeiten das Dach Norwegens zu erreichen.

Die eine Strecke geht von Spiterstulen aus, welches sich auf 1111 Meter Höhe befindet.

Der Gipfel des Galdhøpiggen hat eine Höhe von 2469 Meter. Damit ist eine Höhendifferenz von 1358 Meter zu überwinden und zwar Berg hoch.

Im Vergleich dazu: Die Juvasshytta steht in über 1.800 Metern Höhe und damit liegt eine Höhendifferenziert von 669 Metern vor. Allerdings geht der Weg von der Juvasshytta über den Gletscher und ist nur mit einem Bergführer zu begehen.

Somit ist die Strecke von Spiterstulen länger und man steigt um das Doppelte an Höhenmeter als beim Start von der Juvasshytta.

 

In der Zeit wo ich meine gedanklichen Ausflügen in Höhe und Weite absolvierte, vervollständigte sich die Gruppe. Endlich hatten sich auch die Letzten der „Herde“ am Treffpunkt eingefunden und wir setzten uns in Gang. 

Ich hatte beschlossen mich dem Tempo anzupassen und schön diszipliniert den Massen hinterher zu laufen.

Mir war schon klar, dass ich mein gewohntes Tempo drosselt musste.

 

Doch das war mir egal, ich hatte den ganzen Tag Zeit.

Mein Ziel war das Gipfelfoto, egal wie viel Stunden es braucht.

 

Einmal auf dem höchsten Berg Norwegens, nein ganz Skandinaviens zu stehen, das war mein lang ersehnter Traum und der sollte sich heute erfüllen. 

 

Zunächst überquerten wir die nahe der Hütte gelegene Brücke über den Fluss Bøvra, der sich durch das Visdalen schlängelte.

 

Bereits vom Speisesaal aus hatte ich gesehen, dass hier ein Zelt aufgebaut war. Ich hatte Hochachtung vor den Personen, die hier bei Temperaturen um 0 Grad und weniger ihr Lager aufgeschlagen hatten. „Wintercamping“ selbst im September fordert einiges an Gelassenheit und Hingabe an die Natur. So viel hatte ich nicht davon.  

Nach der Brücke schlängelte sich ein Pfad rechts hoch ins Gebirge der anfänglich von Birken und sonstigem kleinen Holzgewächsen und Sträuchern umgeben war. Doch es dauerte nicht lange und wir hatten die Bäume und Sträucher hinter uns gelassen.

 

 

Nach den ersten Höhenmetern merkte ich relativ schnell, dass ich mich für diesen Aufstieg mal wieder zu warm gekleidet hatte.

 

Die Gruppe machte ohnehin Pause, da ein paar Kinder sich entschlossen hatten, umzukehren. Diese wurden nun von einem Erwachsenen hinunter begleitet.

 

Ich nutze diese Zeit des Wartens und entledigte mich von einer Schicht meiner Merinowolle-Kleidung. Die Handschuhe aber und auch die Mütze behielt ich an. Der Wind war nach wie vor kalt und mit den Wanderstöcken in den Händen , gab es schnell kalte Finger.

 

In der letzten Nacht hatte es Frost und Schnee gegeben und beiden begegneten wir in noch geringer Höhe. Die Steine waren teilweise mit einer dünnen Eisschicht überzogen und der Schnee verdeckte so manchen Spalt zwischen den Steinen.

 

Ich musste ganz schön aufpassen um nicht daneben zu treten oder von den Steinen zu rutschen. Jeder Schritt wollte auch heute wohl überlegt sein. 

 

 

Es ging sehr steil bergauf und bei dem Eis und Schnee auf dem Hang war ich sehr froh nicht allein hier unterwegs zu sein.

Ich denke spätestens an dieser Stelle mit rutschigem Gestein und klaffenden und von Schnee bedeckten Spalten wäre ich, wenn ich hier allein marschiert wäre, umgekehrt.

 

 

Hier ausgerutscht, kullert man den Berg einfach so runter und holt sich dazu reichlich Blessuren nicht geahnten Ausmaßes an den teilweise sehr scharfkantigen Steinen . Wenn man dann überhaupt hier lebend davon kommt.

Ich bewegte mich hier in Norwegens wilder Natur und vor dieser habe ich begründet höchsten Respekt.  

 

Meter für Meter ging es steil bergauf.

Die Kinder bekamen regelmäßig ihre Pausen zum Essen und Trinken und um ein wenig zu verschnaufen.

Mir war das Tempo „zu gemütlich“. Doch ich hielt mich brav an meine eigenen Vorgabe…, immer hinten an, langsames Tempo akzeptieren mit dem Ziel vor meinen Augen das Dach Norwegens zu besteigen.

 

Die Pausen zeigten mir auch ganz schnell, dass Ruhe automatisch zu Wärmeverlust führt. Obwohl wir eine Mischung aus Sonne, blauen Himmel und Wolken hatten, trieb der Nordwind die Kälte mit sich. Meine Finger hatten sich trotz der Handschuhe zu kleinen Eiszapfen verwandelt. 

Ich hatte mich beim Aufstieg mit der Bergführerin Elin unterhalten, die hier mit einem 60 l Rucksack marschierte. Sie geht die Strecke 3-4 mal in der Woche , wenn Hochsaison im Sommer ist.

2 Wochen zuvor war sie mit einer kleinen Gruppe blinder Menschen hier hoch gegangen. Angeblich ohne größere Probleme. Ich staunte nicht schlecht als ich das hörte.

 

Und auf den Inhalt ihres Rucksacks sind wir auch zu sprechen gekommen. Ersatzklamotten, Decken, Erstversorgungspaket/Notfallpaket waren darin verstaut. Meiner Frage, ob sie denn auch Ersatzhandschuhe und zwar dicke dabei hätte, bejahte sie. 

Und schwuppdiwupp, bekam ich quitschegelbe Wollhandschuhe mit hellgrünen Streifen geliehen. Och, ging es meinen Fingern in diesen Knuddelfäustlingen gut.

 

Gelernt habe ich, dass das Hochgebirge nie ohne Wollhandschuhe zu betreten ist.

Tourenhandschuhe hin und her, taugen nichts bei Hochgebirgswanderungen, jedenfalls nicht hier in Norwegen.

 

 

 

Immer wieder ließ ich den Blick in der Gegend schweifen.

Dazu gehörte auch der Blick ins Tal wo die Spiterstulenhytta kaum noch zu sehen war. 

 

 

Bei unserem steilen Aufstieg passierten wir einige Schneefelder. Eine erneute Pause hier in der Sonne erinnerte mehr an Skiurlaub als an eine Wanderung im Sommer.

 

Auch wenn es Anfang September war, hatten wir noch Sommer, jedenfalls rein rechnerisch. 

 

Aber das Personal in der Spiterstulenhytta hatte bereits gestern bei meiner Ankunft verkündigt, dass der Winter in diesem Jahr früh kommt, denn der erste Schnee fiel bereits vor 1 Woche . 

 

Nun wechselte der Pfad regelmäßig zwischen Geröllfeldern mit Schnee und Eis und reinen Schneefeldern unter denen die Steine begraben lagen. 

Nach etwas 4,5 km passierten wir ein langgestrecktes Schneefeld unterhalb der Svellnose.

Der eigentliche Pfad führt darüber hinweg und liegt in 2272 Höhenmetern.

 

Wir liefen vielleicht 50 m tiefer an dem Gipfel vorbei. Elin hatte entschieden es den Kindern etwas leichter zu machen und ersparte ihnen die 50 Höhenmeter mehr, die man nämlich ohnehin wieder runter marschiert in Richtung Galdhøpiggen. 

 

Von dieser Höhe aus hatte ich einen wunderbaren Ausblick auf den Styggebreen. Auch die Juvasshytte war in der Ferne zu erkennen. 

 

 

Weiter bergan von Schneefeld zu Schneefeld, wobei reichlich Neuschnee gefallen war, erreichten wir den Keilhaustopp mir seinen 2355 m. Hier gab es die letzte Pause bevor es zum letzten Streckenabschnitt und hoch zum Galdhøpiggen gehen sollte. 

 

Eine atemberaubende Landschaft lag mir gegenüber, teilweise unter mir und teilweise sogar etwa höher als mein Aussichtspunkt.

 

Sehr beeindruckend fand ich den Glittertinden, der sich in seiner vollen Pacht mit einer Schneehaube präsentierte. 

 

Ich konnte mich nicht satt sehen.

Das Wetter war phantastisch trotz eisigen Windes.

Allerdings lagen die Temperaturen lagen deutlich unter Null.

 

Die Sonne versuchte ihr Bestes und das Wolkenpanorama veränderte sich unaufhörlich wie in einer Theatervorstellung das Bühnenbild.

Es war ein beeindruckendes Naturschauspiel, was sich mir bei dieser Wanderung präsentierte. 

In der Ferne zeigten sich inzwischen dicke graue Wolken. Nun wurde es Zeit den letzten Abschnitt zum Dach Norwegens zu ersteigen.

Ich hatte Befürchtungen, dass das Wetter eventuell nicht hielt und ich im Nebel und dichten Wolken auf dem Dach stehe. Das heutige Tagesziel konnte ich nun deutlich in der Höhe vor mir sehen, nicht mehr weit aber sehr steil nach oben.

unterhalb der Hütte auf dem Galdhøpiggen
unterhalb der Hütte auf dem Galdhøpiggen

 

 

Im Gänsemarsch durch das letzte Schneefeld mit 30 cm Tritttiefe erklommen alle den Galdhøpiggen.

Ich hatte bereits beim Start in Spiterstulen meine Gamaschen angezogen, so dass der hohe Schnee mir nicht oben in die Schuhe krabbeln konnte.

 

Und endlich nach 6 km bergan in 5 ½ Stunden lebte ich meinen Traum.

Ich befand mich auf dem höchsten Berg Skandinaviens, auf dem Dach Norwegens, dem  Galdhøpiggen.   

 

Alles war hier oben in ein weißes Gewand gepackt. Die Berghütte war zu geschneit und an den außen liegenden Teilen blitzen Eiskristalle. Es war wunderschön anzusehen, wie „das Schloss der Eiskönigin“ nur etwas bescheidener, eben kleiner. 

 

 

 

Hier oben auf dem Gipfel gibt es ein fest installiertes Fernrohr, was allerdings am heutigen Tag nicht zu benutzen war.

Alles war eingehüllt vom Schnee und Eis.

Wir hatten minus 15 Grad … und zwar im Sommer. 

 

Zu meinem Gipfelfoto bin ich noch gekommen. 

Auch ein paar Aufnahmen von der umliegenden Bergwelt konnte ich machen.

 

Allerdings war es mit der Weitsicht nicht wirklich weit her. Die dicken grauen Wolken hatten jetzt den Gipfel erreicht und die Bergführerin rief zum Rückzug.

 

Das Wetter hatte sich verändert und alle sollte so schnell wie möglich den Berg verlassen.

 

Das taten wir dann auch mit großer Eile.

Der eisige Wind nahm den losen Schnee der letzten Nacht auf und zauberte einen Schneesturm, der mir zu denken gab.

 

 

Die Kinder waren völlig unbedarft und ganz aus dem Häuschen. Sie wollten den Schneefelder, die sie erklommen hatten auf dem Hosenboden runter rutschen. Das war verboten, gefährlich und nicht berechenbar.

Im Gänsemarsch ging es also wieder zurück, geordnet und diszipliniert.

Der Abstieg war zwar nicht so anstrengend wie bergan, aber auch hier musste ich gut aufpassen. Eis gab es weiter auf den Steinen und die Beine wollten eigentlich mal etwas lockerer die Sache angehen. Konzentriert bei jedem einzelnen Schritt legte ich den Abstieg zurück.

Eine letzte Pause bevor die Baumgrenze wieder erreicht wird, sollte es noch sein. 

Ich wollte meine letzte Schnitte essen und einen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen. Das mit dem Essen hat geklappt, das mit dem Wasser trinken nicht. Mein Wasser war gefroren und der Flasche war kein Tropfen zu entlocken. Na, ja bei minus 15 Grad auf dem Gipfel kann das Wasser schon mal „erstarren“. 

 

Die Hütte  Spiterstulen erreichte ich wieder nach 9 Stunden.

Ich hatte 12,4 km zurück gelegt. Dabei bin ich 1360 m angestiegen und auch wieder abgestiegen.

 

Schnell eilte ich in mein Zimmer. Eine warme Dusche hatte ich mir wohl verdient.

Die „Besatzung“ der Küche wartete bereits auf alle Heimkehrer und servierte ein schmackhaftes 3 Gänge-Menü. Das Essen hat gut gemundet und rundete den perfekten Tag ab.

Ich konnte es kaum glaube, dass ich meinen Traum heute gelebt hatte. Ich war überglücklich und der Leirskolen dankbar, dass ich mich ihnen anschließen konnte. Allein wäre ich wohl auf dem ersten Drittel wieder umgekehrt. Erhaltungstrieb, Erfahrung und Vernunft hätten da Regie übernommen.

Aber so war es natürlich viel besser. Ich hatte es, auch wenn mit Hilfe, geschafft.

Ich saß nach dem Essen noch etwas im Aufenthaltsraum im Hauptgebäude und schaute mir meine „Fotoausbeute“ vom heutigen Tag an.

Faszinierende Bilder, die ich da mit nach Hause nehme. Bilder, die ich wohl nie vergessen werde.

Morgen ist die Tour zur Leirvassbu geplant. Es sollen ca. 15 km Weg mit geringem Anstieg um knapp 400 Höhenmetern.

 

Ich lass mich überraschen.