09.09.2020 Von Glitterheim nach Spiterstulen

 

 

Guten Morgen!

 

Ich hatte die Nacht schlecht geschlafen.

 

Zunächst gab es bis Mitternacht „Völkerwanderung“ draußen auf dem Flur vor meinem Zimmer. Und dann musste ich auch noch gegen 03:00 Uhr mich im Dunkeln nach unten in den Keller begeben um die Gemeinschaftstoilette aufzusuchen.

Ich hatte am Abend zuvor zu viel getrunken (Wasser natürlich) oder besser erst spät zum Abend mein Flüssigkeitsdefizit von der Tageswanderung aufgefüllt. Dementsprechend drückte meine Blase mitten in der Nacht.

Kurz nach 07:00 Uhr war die Nacht ohnehin zu Ende und trotz der wenigen Stunden wirklichen Schlafs fühlte ich mich nicht matt.

 

Im Keller an den zwei Waschbecken war noch Ruhe. Das „junge Volk“ lag noch in seinen Kojen, so dass ich Alleinbenutzer des Waschraums und der 4 Toiletten war.

Um 08:00 Uhr sollte es Frühstück geben.

 

An der Rezeption, welche auch kleiner Kiosk und Informationsplattform war, holte ich mir Auskunft über das heutige Wetter ein. Da es hier in der Glitterheim-Hütte weder Internet noch Handydeckung gab, war ich auf die Wetterinformation über den Satellitenempfang an der Rezeption angewiesen.

 

Es sah nicht wirklich toll aus und nach der Anfrage wie denn der Glittertinden mit seiner Aussicht für heute per Satellit wirkt, wurde abgewunken und abgeraten da hoch zu laufen. Dicke Wolken und Nebel wurden angezeigt.

 

Tja, dafür musste ich nicht 2464 Meter ersteigen um oben dann im Nebel zu stehen. 

Also kanzelte ich kurzerhand mein Vorhaben nach Spiterstulen über den Glittertinden zu gehen.

Ich wählte den direkten Weg durch das Veodal.   

 

Nach einem guten Frühstück verließ ich mit geschmierten Broten und der mit frischem Wasser gefüllten Trinkflasche die DNT Hütte Glitterheim um 09:00 Uhr.

 

Knapp 19 km Wegstrecke lagen vor mir.

 

 

Die Glitterheim-Hütte liegt in ca. 1400 Meter Höhe. Der höchste Punkt meiner heutigen Wanderung sollte bei 1930 Meter liegen wobei ich insgesamt über die geplanten 19 km 710 Meter steigen und 990 m absteigen sollte.  

 

Nach Verlassen der DNT-Hütte Glitterheim führte der Pfad zunächst über ein Gewirr aus kleinen Verästelungen des Flusses Steinbuelve, die durch Holzplanken überbrückt sind. 

 

Nach den ersten 100 Metern musste ich einsehen, dass ich mich zu dick angezogen hatte.

 

Die Lange Unterhose und die Weste wurden ausgezogen und im Rucksack verstaut.

 

 

Es war nicht so kalt wie ich angenommen hatte. 

 

Kurz nachdem ich mich durch das Wirrwarr der kleinen Wasserläufe gekämpft hatte, stand ich in einer herbstlich bunten Ebene, mit nicht weit von mir entfernt sich in Bewegung befindliche große Steinen.

 

Ich war verblüfft und riss meine Augen auf.

 

Und dann entdeckte ich schließlich, nachdem die vermeintlichen „Steine„ sich auf mich zu bewegten, dass es sich hierbei um eine Herde wilder Rentiere handelte. Also keine laufenden Steine sondern eine wilde Rentierherde näherte sich mir. 

 

Ich hatte mir gewünscht Rentiere hier oben zu treffen, aber dass es Wirklichkeit werden sollte, daran hatte ich meine Zweifel. 

 

 

Ich war so perplex dieses Schauspiel erleben zu können, dass ich in meiner Bewegung erstarrte, mein Mund weit offen stehen blieb und ich fast aufhörte zu atmen, weil ich Angst hatte, dass die Tiere mich oder meinen Atem hören könnten und dann schnell weglaufen bevor ich das Erlebnis verinnerlichen konnte.

 

Es war faszinierend diese Tiere hier in ihrer natürlichen Umgebung sehen zu können.

 

 

Langsam zog ich mein Handy aus meiner Jackentasche und schoss ein paar Fotos. Es gelang mir sogar ein kurzes Video aufzuzeichnen. 

 

Nachdem die Tiere mich beäugt und wohl satt gesehen hatten, setzen die Tiere sich in Trab und verschwanden über den Fluss auf die andere Uferseite.

 

 

 

Ich ging weiter Richtung Westen immer im Veodalen entlang. 

 

Es boten sich sehr schöne Ausblicke auf die umgebenden Gletscher wie den Styggenhøbbrean und Veobrean.

 

 

 

Ich war auf 1660 Metern Höhe auf einem weiteren kleinen Platau, einem Pass.

 

Einen Weg gab es nicht, nur Steinvarden und ab und zu ein rotes T, die die Richtung vorgaben.

 

 

Ein jeder Schritt musste gut überlegt sein. Trotz, dass ich meine Wanderstäbe im Einsatz hatte, ging es manchmal halsbrecherisch von Felsbrocken zu Felsbrocken. Einen Fehler konnte ich mir nicht erlauben. Und so schritt ich langsam und konzentriert voran. 

 

Der schmale Pass auf diesem Plateau war mit Steinen unterschiedlichster Größe übersät.

 

Von Stein zu Stein passierte ich 3 hintereinander angereihte Seen, die Vesigluptjønnen. 

 

 

 

Hierbei ging ich unmittelbar an den Ufern entlang.

 

Schneefelder liefen ins Wasser aus und oft genug musste ich mich entscheiden ob ich den nächsten Schritt in den Schnee setze oder weiter halsbrecherisch von Felsbrocken zu Felsbrocken mich bewege. 

 

 

 

 

 

Anfänglich war ich skeptisch bei einer Spur, die sich entlang eines Schneefeldes zog.

 

Diese war kontinuierlich zu sehen, so dass ich während meiner Passage dieser drei Seen von der „Steinbrockenwanderung“ zu einer Schneewanderung“ wechselte.

 

 

 

 

 

 

Man hört ja ab und zu , dass sich auf Schneefeldern auch Gletscherspalten befinden, in denen einsame Wanderer einfach verschwinden. Rein gerutscht und nie mehr gesehen.

 

Oder dass diese Schneefelder im Untergrund vereist und spiegelglatt sein können und damit eine gute Rutschbahn direkt in den See darstellen.

 

Auf beides hatte ich nicht wirklich Lust. Ich war allein und hoffte auf mein Glück, war mutig und vertraute auf mich selbst . 

 

So ging ich sachte einen Fuß nach dem anderen vorsichtig setzend, voran, …wechselnd zwischen Schneefeld und Steinfeld. 

 

 

Nach dem Passieren der Seen erreichte ich die sogenannte Skautflye.

 

 

Die Skauflye ist eine steinige, mühsam zu laufende Hochebene, die sich über viele Kilometer bis an den Rand des Visdalen mit der tief unten im Tal liegenden Hütte Spiterstulen zieht.

 

Der Weg nach Spiterstulen führt über einen weiten Bogen über Norden um den Skauhøe (1993 m) herum. 

 

 

Auf meiner heutigen Wanderung hatte ich wieder Glück mit dem Wetter. Klärchen lugte ab und zu durch die Wolken, blauer Himmel zeigte sich ebenfalls so dass ich gut gelaunt meines Weges zog.  

So wie auch bei meiner Wanderung am Vortag achtete ich wie ein Adler auf die Kennzeichnung des Weges .

 

Entweder orientierte ich mich am roten „T“ oder an den Steinvarden, die meist in weiter Entfernung auszumachen waren und oft anstelle des „T“ ‘s den Wegweiser für mich darstellten.

 

Ich passierte das eine „T“ oder den Steinvarden erst, wenn ich den nächsten bereits in der Ferne entdeckt hatte. 

 

Die Steinfelder sehen so gleich und unauffällig aus, dass sich der „Weg“ immer wieder im Geröll verliert.

 

 

Wie bereits gestern geschrieben braucht es meist Geduld, Ruhe, Konzentration und gutes Sehen um nicht orientierungslos hier oben in den Bergen zu stehen.

Das hätte nämlich fatale Folgen für mich gehabt.   

 

 

Und wenn ich mal nicht auf der Suche nach der nächsten Wegkennzeichnung war, genoss ich die Aussicht auf die karge, einsame Hochebene umgebenen von einer grandiosen Bergkulisse wie dem majestätischen Veo(brean)-Gletscher. 

 

 

 

Oft habe ich tief durch geatmet und mir gesagt, wie glücklich ich sein kann das raue „Land der Riesen“ auf meiner „Rundreise“ so frei erleben zu können. 

 

Außer der Herde mit den Rentieren war ich bislang keinem anderen Lebewesen auf meinem Weg nach Spiterstulen begegnet. Natur pur !!! 

 

 

 

 

Nach dem ich das Veodalen verlassen hatte ging ich ausschließlich auf steinigem Untergrund.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bevor es dann steil hinunter ins Visdalen führte, ging es noch einmal etwas leicht rauf und runter. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Wegweiser zum Glittertinden fand ich dann zu meiner Rechten.

 

Hier wäre ich also angekommen, hätte ich die heutige Tour über den Glittertinden beschritten.

 

Nun gut, ich hatte den direkten Weg gewählt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bevor ich den Abstieg über 400 Höhenmeter ins Visdalen begann, machte ich eine kleine Rast.

 

Jetzt wusste ich, dass ich fast am Ziel angekommen war und wollte mich einfach mal hinsetzten und die Wanderung „sacken lassen“.

 

Mein Brot heraus geholt und genüsslich verspeist. Dazu gab es kaltes Wasser und ein Kvik-Lunch.

 

 

 

Kvik-Lunch ist so typisch für die norwegischen Wanderer. Es ist ein Keks in norwegischer Schokolade getaucht, als ein „Schnellkalorienspender“ gedacht… und schmeckt so gut. 

 

 

 

Nur ein paar Meter weiter hatte ich einen tollen Ausblick auf das Visdalen.

 

Die Spiterstulen-Hütte war als ein Konglomerat von kleinen Punkten zu erkennen.

 

 

Der Weg hinunter zog sich und war teilweise sehr steil.

 

Ich war froh diese Strecke nicht umgekehrt gehen zu müssen, denn das hätte sicher einiges mehr an Anstrengung gekostet.

 

 

 

 

Um 15:00 Uhr erreichte ich Spiterstulen.

 

Ich war 6 Stunden unterwegs gewesen und hatte 16,6 km hinter mich gebracht. 

 

 

 

 

 

 

 

In der privaten Hütte Spiterstulen  bekam ich ein Zimmer in einem der Nebengebäude.

 

Hier war ich alleiniger „Schläfer“. 

 

 

 

 

 

Wie ich erfuhr, hatte sich hier in Spiterstulen auch eine Leirskole „eingenistet“. Es waren Schüler zwischen 10 und 12 Jahre, die mit ihren Lehrern aus Trondheim für 3 Tage die Natur erkunden wollten.

 

Die Besitzerin der Hütte war eine nette aber rigorose Frau. Ihr Vater hatte die Hütte in früheren Jahren errichtet und die Hütte ist weiter in privater Hand.

 

Meine Anfrage ob es möglich wäre eine geführte Wanderung morgen zum Galdhøpiggen zu bekommen, verneinte sie.

Allerdings hätte die Leirskole morgen einen Ausflug dahin geplant und hat einen Bergführer dabei.

 

Da kam mir der Gedanke doch einfach bei den „Herrn Lehrern“ anzufragen, ob ich mich der Truppe anschließen könnte.

Im bekam ich eine Zusage, allerdings mit dem Hinweis, dass für morgen kein gutes Wetter gemeldet ist und es durchaus passieren kann, dass der Gipfel nicht begangen werden kann und die Wanderung abgebrochen werden muss, wenn die Wetterumstände es gebieten. Außerdem könnte man keine Verantwortung für mich übernehmen.

  

Das Gesagte war für mich alles akzeptabel und so hoffte ich natürlich auf gutes Wetter und dass die Kinder gute Kondition haben um die fast 1400 Höhenmeter zu überwinden.  

 

Nach einem sehr guten 3- Gänge Menü zum Abend verzog ich mich in mein sehr spartanisch eingerichtetes Zimmer.

 

Ein Doppelstockbett, ein Schemel, ein paar Haken an der Wand. Allerdings gab es Damast-Bettwäsche sauber und rein und zwei flauschige Handtücher.

 

Die Gemeinschaftsduschen waren erst neu erbaut und die Toiletten waren zwei Einzel-WC`s.

Welch ein Luxus, ich war zufrieden.

 

 

Der heutige Tag war toll gewesen und nun dachte ich bereits mit Spannung an mein morgiges Unterfangen.

 

Ob ich es wohl schaffen werde auf dem höchsten Berg Norwegens zu stehen?

 

Gibt das Wetter mir die Chance das Dach Norwegens zu besteigen?

 

Nur nebenbei bemerkt. Wenn die Stadtschüler aus Trondheim hier nicht ihre Naturtage abgehalten hätten, wäre ich der einzige Gast hier in Spiterstulen gewesen. 

 

Wo sind eigentlich die norwegischen Naturfreunde hin… gibt es sie noch oder hat „Corona“ allen den Garaus gemacht???