08.09.2020 Von Gjendesheim nach Glitterheim

 

Meine erste Tour wollte ich heute von Gjendesheim nach Glitterheim gehen.

 

Nach Angaben von verschiedensten Tourenanbietern sollten es knapp 22 Km werden bei einem Höhenanstieg von 950 Meter.

 

Bei dieser Entfernung wird eine reine Gehzeit von 8 Stunden veranschlagt.

Dementsprechend früh am Morgen wollte ich um 08:30 Uhr starten.

 

In den DNT-Hütten und Gjendesheim ist eine davon, gibt es in der Regel ab 08:00 Uhr Frühstück.

 

Zusätzlich kann man sich ein "Matpakke" selbst schmieren .

 

Wie ich inzwischen weiß, handelt es sich bei einem „normalen Matpakke" um 4 Scheiben Brot mit entsprechendem Aufstrich. Obst kann hinzu gefügt werden, je nach Angebot. Wasser für die Trinkflasche gibt es natürlich gratis dazu und kann an den vielen fließenden Gewässern auf dem Weg nach gefüllt werden.

 

 

Habe ich auch gelernt,… bedenke..., die Wasserflasche nie an einem stehenden Gewässer füllen. Das Wasser muss im Fließen sein und man sollte prüfen und den Blick schweifen lassen und sehen wo es denn her kommt. 

 

 

Ich hatte die Übernachtung bereits im voraus bezahlt und stand mit meinem Rucksack an der Rezeption um meinen Schlüssel anzugeben.

 

Hier bekam ich Bescheid, dass ich einen sogenannten Korona-Zuschuß von 45 NOK zu zahlen habe.

 

Etwas verdutzt aber einsichtig entrichtete ich diesen Obolus.

 

Außerdem erfuhr ich zu meinem Entsetzen, dass ich mein Auto nicht auf dem Parkplatz der DNT-Hütte stehen lassen kann, da dieser nur Gästen vorbehalten ist.

 

Auch mein Argument, dass ich ja in 5 Tagen hier wieder aufkreuze und bereits die Übernachtung bezahlt habe, erweichte das Herz der Angestellten nicht.

 

Ich sollte doch mein Auto auf dem 1,5 km entfernt gelegenen großen Parkplatz abstellen. 

 

 

Also holte ich mein Auto, fuhr zurück in Richtung Beitestølen.

Der Parkplatz war leer und außerdem geschlossen.

 

Wieder zurück zur Hütte gefahren und das Dilemma erklärt!!! … und nach 10 minütiger Diskussion stellte ich mein Auto wieder auf dem Hüttenparkplatz ab.

 

Mein Argument: Korona, … wenig Gäste, …ausreichend Parkmöglichkeiten auf dem Parkplatz für die Wenigen, die da kommen.

 

Diese Parkplatzreise kostete mir 30 Minuten meiner wertvollen geplanten Wanderzeit.

 

 

Ich startete also erst um 09:00 Uhr und ging im straffen Tempo den Anstieg hoch.

 

Nach dem ersten Kilometer hatte ich eine tolle Aussicht auf den Gjende . Nicht nur dass blauer Himmel und Klärchen lachten, nein es spannte sich ein Regenbogen über den Gjende, was ich als gutes Omen ansah.

 

 

Der Tag konnte also nur von Erfolg gekrönt sein. 

 

 

Trotz Sonne war es recht frisch hier oben, ein eisiger Wind in fast Orkanstärke pfiff mir um die Ohren, so dass ich zu meiner Wollmütze und auch noch mein Halstuch über den Kopf zog und das alles mit der Kapuze meiner Jacke sicherte. Ich ging bereits mit Handschuhen und hatte auch meine lange Wollunterhose angezogen.

 

Auf einer Distanz von 3 Kilometern meisterte ich die ersten 400 Höhenmeter. Es ging sehr steil bergan. Der Weg war teilweise zum Schutz vor Erosion mit zu Stufen gelegten Steinplatten ausgebaut.

 

Die ersten Kilometer sind identisch mit dem Weg zum Besseggen, wenn man den Besseggengrat von Gjendesheim aus laufen will. Normalerweise tummeln sich hier Massen von Menschen.

 

Heute war ich bislang keiner Menschenseele begegnet. Ich war allein in der norwegischen Wildnis.  

 

 

Die ersten Schwierigkeiten zeigten sich als der Weg sich gabelte.

 

Es stand ein Schild mit "nach links zum Besseggen" und geradeaus oder vielleicht doch etwas nach rechts sollte es nach Glitterheim gehen.

 

Ich orientierte mich nach halb rechts und meinte einem Trampelpfad zu folgen. Ja, aber der Trampelpfad ging auf den nächstgelegenen Gipfel um eine Aussicht auf die im Tal liegende Straße FV 51 zu haben. Ein rotes „T“ konnte ich nicht entdecken. 

 

Na prima, nun bin ich vielleicht 3-4 km von der Hütte weg und schon das erste Mal verlaufen. Ein wenig Unsicherheit machte sich breit.

 

Ich dachte, wenn ich keinen Hinweis finde, wo denn nun die Richtung nach Glitterheim ist, gehe ich zurück zur Hütte.

 

Damit wäre allerdings meine erste Tageswanderung gescheitert und damit ein schlechter Start für die weiteren Tage. 

 

 

So ging ich den vermeintlichen Trampelpfad bis zur Gabelung wieder zurück.

 

Hier habe ich mein „Adlerauge“ fliegen lassen und siehst‘e da hatte ich mein erstes rotes „T“ erspäht.

 

 

Nach Glitterheim ging es gerade aus und nicht nach halb rechts. 

 

 

 

Der markierte Pfad verlief weiter steil bergauf.

 

Durch den Regen der letzten Tage war es rutschig, die Steine locker und die Erdmassen glatt wie ein Spiegel.

 

 

 

Jetzt war ich froh meine „Stöckel“ dabei zu haben. Damit lief ich praktisch auf 4 Beinen, anstatt auf zwei. 

 

Die ersten Kilometer brachten mich innerlich zum „Kochen“ , so dass ich eine kleine Pause machte um meine Weste und das kurzärmlige T-Shirt auszuziehen. Auch die Mütze nahm ich vom Kopf. Mein Stirnband und auch die Kapuze zog ich wieder drüber, denn der eisige Wind hatte an Stärke noch zugenommen. 

 

 

 

Ich hatte am

Abend meine neu gekaufte Tour-Karte studiert und wusste, dass ich nach ein paar Kilometern an den Bessvatnet komme und diesen links liegen lassen musste.

 

Dann sollte eine Brücke mich über einen Fluss bringen bevor ich den zweiten See, dem Russvatnet rechts an seinem Ufer über ein paar Kilometer begleiten sollte.

Diese war fest in meinem Kopf und obwohl ich noch nie allein in mir unbekanntem Gelände war, fühlte ich mich relativ sicher. 

 

Nach dem anstrengenden Anstieg ebnete das Gelände etwas ein. Kleine und größere Geröllsteine und dann wieder Erde mit spitzen Steinchen, die mich immer mal wieder hin und her krakeln ließen. 

 

 

Hier oben hatte der Herbstmaler bereits seinen Pinsel geschwungen und die Ebene strahlte in leuchtenden Farbnuancen zwischen rot, gelb, braun und grün.

 

 

 

 

Und dann endlich konnte ich aus 1400 m Höhe in der Ferne tiefblau leuchtendes Wasser erkennen. Es war mein erster Markierungspunkt, der Bessvatnet. 

 

Am Ufer des Sees konnte ich mich nicht aufhalten.

 

Im Hintergrund zeigten sich schneebedeckte Berge unter anderem der Besshøbrean.

 

Von den Bergen kam ein Sturm geflogen, der mich fast zu Boden blies. Ich war das erste Mal froh meinen Rucksack auf dem Rücken zu haben, der mich gut erdete. Mit diesen, ich glaube 15 kg Extragewicht, konnte der Wind mir nichts anhaben.

 

Schnell verließ ich das Ufer und ging dem nächsten „T „ folgend weiter .

 

 

Inzwischen hatte ich mich mit der Suche nach der Wegemarkierung , den roten T's  eingefuchst.

 

Die Abstände zwischen den Markierungen waren sehr unterschiedlich.

 

 

Immer wenn ich ein rotes „T“ erreicht hatte, hob ich den Blick und hielt Ausschau nach dem nächsten. Mit Ruhe und Bedacht ging ich so Stück für Stück des Weges.

 

Ein wenig erinnerte mich das an „Hänsel und Gretel“ , die Brotkrumen benutzten um den Weg zurück zu finden. Leider hatten sie nicht so viel Glück, da die Waldvögel alle auf pickten.

Meine roten T's waren zwar immer mal wieder ausgeblichen von Regen und Sturm oder mit Moos belegt, aber wenn man sich die Ruhe nahm und die Natur auf sich wirken ließ, fand sich immer ein roter Strich oder ein Punkt vom Rest eines T ‘s.

 

Na, ja, wenn alles eindeutig ist, kann es ein Jeder. Ich wusste ja auf was ich mich einließ und hatte mir geschworen umzukehren, wenn ich den Weg nicht ausmachen kann. Aber ich konnte.

 

 

Nicht weit vom Ufer des Bessvatnet kam auch die auf der Karte vermerkte Brücke.

 

Eine einfache vielleicht 6-7 m lange Brücke ohne seitliche Begrenzung.

 

 

Die Wassermassen vom Ausfluss des Bessvatnet brausten darunter hinweg und ich musste nicht den Finger ins Wasser halten um zu wissen, dass dieses eiskalt war.

 

Aufrecht über die Brücke zu gehen getraute ich mich nicht. Der Wind machte mir schon auf festem Boden zu schaffen und das Risiko, dass er mich von der Brücke weht, wollte ich nicht eingehen.

 

Ich hatte keine Lust auf ein Erfrischungsbad und die damit verbundenen Folgen.

 

 

 

 

Also ging ich auf die Knie und überquerte die Brücke krabbelnd auf allen Vieren.

 

Das Gelächter von anderen Menschen hatte ich nicht zu befürchten. Ich war hier allein zwischen Gjendesheim und Glitterheim.

 

Kein anderer Zweibeinerwar unterwegs. 

 

 

 

Ich wanderte nun weiter in Richtung Osten über eine kleine Hochebene unterhalb des 1521 Meter hohen Bessheimrundhøe entlang.

 

Auf dessen Nordseite ging ich nach etwa vier Kilometern wieder 200 Höhenmeter hinab zum Ausfluss des Sees Russvatnet, der in 1175 m Höhe liegt.

 

  

Über die Russa, die den Russvatnet entwässert, führt eine stabile Hängebrücke zur privaten Hütte Russvassbue.

 

Die Wanderung führte mich gut

4 km unmittelbar am Ufer des Russvatnet entlang.

 

Teilweise findet sich kleine Buchten mit feinem weißen Sand , was bei entsprechenden sommerlichen Temperaturen zum Baden einlädt. 

 

Allerdings war das heute nicht der Fall. Ich suchte Schutz hinter einer Böschung am Ufer des Sees um eine kurze Lunchpause zu machen. 

 

Obwohl die Sonne schien, war es ungemütlich durch den nach wie vor anhaltenden eisigen Wind. 

Nun gut man kann nicht alles haben.

 

Ich war schon froh, dass mir sonniges Wetter geboten wurde und da sollte ich nicht herum maulen wegen des Windes. Es hätte ganz anders kommen können. 

 

Nach der Uferwanderung steigt der Weg über teilweise Geröll oder Untergrund mit aus der Erde rankenden spitzen Steinen um etwa 300 Höhenmeter hoch zu einer schwankenden Hängebrücke über den Fluss Tjønnholåe. 

 

Die Brücke befindet sich in einer Schlucht. Auf den letzten Metern zur Brücke existiert kein Pfad und man klettert über große Felsbrocken hoch zur Hängebrücke.

 

Diese Brücke ist schon eine wacklige Angelegenheit. Der Boden ist mit losen Holzplatten belegt und man schaukelt mit jedem Schritt in einem Netz über den Fluss. Obwohl ich sehr langsam gegangen bin, bekam die Brücke entsprechenden Schwung und ich war froh diese endlich passiert zu haben.

 

 

Der tief unten fließende Tjønnholåe ist reißend und ohne Brücke nicht zu überqueren. 

 

 

 

Nach einem kurzen steilen Anstieg erstreckte sich der Weg weiter nach Norden über steiniges Gelände.

 

 

 

Gut 5 km krakelte ich von Stein zu Stein. Abermals war ich froh meine Wanderstäbe am Mann/Frau zu haben.

Bei schönem Wetter bietet sich von hier oben ein toller Blick auf den Russvatnet und seinem südlichen Ende mit dem spitzen Gipfel des Gloptinden.

 

Ich konnte die Aussicht nur erahnen, denn in der Ferne hingen Wolken über dem Land. 

 

 

Um so weiter ich vom Russvatnet weg kam , um so mehr änderte sich das Wetter.

Es zogen graue Wolken auf und Klärchen verschwand.

 

Teilweise war es diesig und ich musste wirklich meine Äuglein aufreißen um die Markierung des Wegs auszumachen.

 

Der Weg führte langsam bergan mit Ausblick auf mehrere östlich gelegene Gletscher deren Gipfel in den Wolken lagen. 

 

 

Es wurde  ungemütlich. Zwar hatte der Wind sich etwas gelegt doch dafür kam Feuchtigkeit und Nebel auf.

 

 

Ich näherte mich dem Pass , welchen ich unterhalb des Vestre Hestlægerhøe überquerte. Die Passhöhe liegt etwa 500 Höhenmeter über dem Russvatnet.

 

Und von hier oben konnte ich ins Veodalen schauen.

 

Zwar war Klärchen nicht mehr an meiner Seite, aber die Sicht reichte aus um im Tal die Glitterheim-Hütte zu erkennen. 

 

 

 

Noch nie war ich so froh eine Hütte in einem Tal zu sehen.

 

Ich hatte es geschafft. 

 

 

 

Unten, zwar noch ein paar Kilometer entfernt, aber sichtbar, lag die DNT-Hütte Glitterheim. 

 

 

Auf der Nordseite des Passes ging ich kontinuierlich über steiniges Gelände hinab ins 300 Meter tiefer liegende Veodalen. 

 

Während des Abstiegs bot sich mir ein imposanter Blick ins obere Veodalen mit dem Gletscher Styggenhøbbrean. 

 

Nachdem ich die Höhe verlassen hatte, ging es oberhalb des östlichen Ufers des Flusses Veo zu einer komfortablen Brücke über den breiten Fluss.

 

Ich wanderte praktisch gut 500 m an der gegenüberliegenden Flussseite an der Hütte vorbei. Um dann nachdem ich die Brücke passiert hatte, wieder zurück zu laufen. 

 

Um 16:15 Uhr saß ich gegenüber dem Eingang zur Rezeption. Holte mein Matpakke und meine Trinkflasche heraus und machte meine letzte Pause für diesen Tag. 

 

Zu mir gesellte sich ein Golden Retriever und ich teilte mein Brot mit ihm.

Nachdem die Brotbox leer war verschwand die Hundedame genau so still und plötzlich wie sie gekommen war.

 

Ich musste an meine Hundemädchen zu Hause denken und war etwas traurig, sie nicht bei mir zu haben. 

 

 

 

Jedenfalls war ich unendlich stolz auf mich selbst. Ich hatte meine erste Tour gemeistert. Ich war zwar ganz schön fertig aber ohne Schaden an der ersten Hütte angekommen. 

 

Nach dieser Endverschnaufpause holte ich mir meinen Zimmerschlüssel. 

Ich war sehr überrascht, wie spartanisch man doch hier in Norwegen Übernachtungen machen kann und dafür mit Halbpension 145 Euro bezahlt.

 

 

Mein Zimmer war 2 x 2 m mit einem Doppelstockbett, einem Hocker und einer Garderobenstange ausgestattet.

Ein kleiner Spiegel gegenüber dem Bett welcher eine Ablage unter sich hatte auf dem 2 Teelichter in jeweils einem Marmeladenglas standen. Strom und damit Licht gab es nicht.

 

Waschgelegenheiten befanden sich gemeinschaftlich im Keller, einschließlich der Gemeinschaftstoiletten.

 

 

Allerdings war das Abendessen dafür alles andere als spartanisch... es war wieder fantastisch mit einem 3-Gänge-Menü.  

 

 Die Nachtruhe gestaltete sich etwas verzögert, da sich eine Schule mit 60 Schülern eingenistet hatte. 

 

Die Schüler waren zwischen 19-20 Jahre und lebten diesen Schulausflug so richtig aus. Es war eine sogenannte „Leirskole“, die dazu dient, die Schüler in der sozialen Gemeinschaft zu fördern und zu erziehen.

Wie ich hörte war die Planung der Lehrer am morgigen Tag mit allen auf den Glittertinden zu gehen.

 

Das war auch mein Zwischenziel. Von dort aus wollte ich absteigen nach Spiterstulen meinem morgigen Reiseziel. 

 

Um 09:00 Uhr wollte ich aufbrechen und mich der Leirskolen anschließen und den Glittertinden ersteigen.

 

Der Glittertinden ist nur 5 Meter niedriger als der Galdhøpiggen mit seinen 2469 Metern und damit der zweithöchste Berg Norwegens. Die Tour soll etwa 4,5 Stunden dauern,... eine Strecke natürlich.

 

 

Kurz zur Information für diejenigen, welche den strapaziösen Weg von Gjendesheim nach Glitterheim nicht auf sich nehmen wollen. ..., denn eine enorme Herausforderung ist diese Tour, das kann ich nur bestätigen.

 

Glitterheim ist über eine 20 Kilometer lange Mautstraße an das öffentliche Straßennetz angebunden. Die letzten 8 Kilometer sind jedoch ab der Nationalparkgrenze für den Verkehr gesperrt und müssen zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt werden.

 

Deshalb habe ich an der Hütte fast keine Autos (ein einziges als Wirtschaftsgefährt) und statt dessen jede Menge Fahrräder gesehen .

Und noch etwas.

 

Die Glitterheim-Hütte verfügt über kein Internet und hat keine Handy-Deckung. Hier im Land der Riesen ist man wirklich abgeschnitten von der übrigen Welt.