19.11. 2012 In Zwei Minuten zum neuen Kleid

 

Der Winter hat uns bisher mit seinem Weiß verschont. Die Temperaturen sinken hin und wieder nachts unter den Gefrierpunkt, aber insgesamt ist es viel zu warm. Jeden Tag Regen und Wind, da ist die Stimmung tief im Keller.

 

Wir warten seit 14 Tagen auf den Schafscherer. Andauernd kam etwas dazwischen und unsere Herde gleicht mehr einem Bärenrudel, als einer Versammlung von Schafen. Sie sind so richtig aufgeplustert und es ist dringend notwendig, dass die Wolle endlich runter kommt.

 

So wie in jedem Jahr, kam der Schafscherer auch heute mit deutlicher Verspätung, immerhin, er kam! Alle pelzigen Vierbeiner waren hungrig, denn die Abendmahlzeit konnten wir nicht wie gewohnt geben. Die Schafe sollen mindestens 4 Stunden vor dem Scheren kein Fressen bekommen, damit sie sich während des Scherens  nicht entleeren.

 

Um 20:30 Uhr ging es endlich los.

 

Es gibt verschiedene Methoden des Scherens und jede Region hat wohl ihre Eigenheiten.

 

Unser Schafscherer Sven, nimmt die Schafe und setzt sie auf den Po mit leichter Neigung nach hinten. So legt er sie praktisch auf seinen Beinen ab und wendet das Schaf je nach Bedarf. In der rechten Hand liegt die Schermaschine und mit der linken Hand legt er sich das Schaf zurecht. Zuerst erfolgt das Scheren der rechten Schulter und des rechten Vorderbeins. Dann fährt er mit der Schermaschine an der seitlichen Bauchseite Richtung rechte Flanke runter zum Genitalbereich. Hier wird sehr vorsichtig geschoren, um keine Verletzung zu setzen. Sind After und Genitalien sauber, geht es auf die linke Seite zum rechten Hinterbein. Damit ist die bauchseits gewachsene Wolle entfernt. Dieser Wollanteil wird verworfen. Dann kommt er wieder zur rechten Schulter , fährt bauchseits den Hals ab und es geht weiter Richtung linke Flanke zum Schwanz. Auch der Anteil der Wolle ist Abfall. Nun wird alle Wolle ausgehend von der linken Seite des Popos in jeweils eine Bahn hoch zum Kopf auf dem Rücken abgetragen. Das Flies, wie die Wolle auch genannt wird, haftet zusammen und in gleichmäßigen Bewegungen immer wieder vom Schwanz zum Kopf geschoren, hat man zum Schluss einen richtigen „Wollteppich“.

 

Bei lautem Geblöke und genervten hungrigen Schafen war das Wunder nach 2 Stunden vollbracht. Inzwischen haben wir Routine mit diesem Arbeitsgang.

Alle Schafdamen sowie auch Hänschen und Dreizehn, stehen gestriegelt und geputzt im Stall. Da hat das Abendbrot noch mal so gut gemundet und nachdem das Futter verteilt war, hörten wir keinen Muks mehr von unseren frisch frisierten Pelztieren.

 

Leider hatte dieses Mal der Kleiderwechsel auch einen bitteren Beigeschmack. Quetschi und Kathi werden wir zur Schlachterei bringen müssen. Beide haben eine Euterentzündung durchgemacht, die leider nicht ausgeheilt ist. Wir haben es nicht bemerkt, aber selbst wenn, hätten wir den Gang zur Schlachterei nicht umgehen können. So haben wir eine Extrafahrt mit unseren beiden Damen. Quetschi hatten wir das erste Mal im letzten Herbst belegt. Sie hatte im Mai diesen Jahres ein Pärchen geboren. Unser Thommy ist eines von ihren Lämmern. Kathi war bereits drei Mal Mutter und hatte in diesem Jahr eine Tochter. Tja, so verkleinert sich unsere Schafherde ungeplant Es werden somit, wie auch im letzten Herbst, nur 20 Mädels belegt. O.k.., die Natur hat so entschieden und wir haben uns zu fügen.

 

Alles in Allem ist uns aber ein Stein vom Herzen gefallen. Die Schafe sind nun endlich geschoren. Der Kleiderwechsel ist im Grunde die letzte wichtige Vorbereitung für die neue Lammsaison. Am 01. Dezember dürfen dann unsere beiden Böcke in die Damengemächer. Für 3 Wochen wird dann umgarnt, liebkost und wenn es passt auch „geheiratet“.

 

 

Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu ertragen:

die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.

 

                                                                                    Immanuel Kant